„Natur Natur sein lassen“ im Nationalpark Eifel

Vor mehr als 20 Jahren wurde der Nationalpark Eifel gegründet. Er hat zum Ziel, dass sich die Natur ungestört entwickeln kann und Tier-, Pflanzen- und Pilzarten einen Rückzugsort finden. Damit das gelingt, sind jeden Tag Ranger der Nationalparkwacht unterwegs. Rolf Jakobs ist einer von ihnen – und sorgt mit seinen Kontrollgängen dafür, dass der Mensch die Regeln im Schutzgebiet einhält und sich die Natur in Ruhe entwickeln kann.

Er ist das ökologische Herzstück des Nationalparks Eifel: Der Kermeter. Der Gebirgszug am Rursee zwischen den Orten Gemünd, Heimbach und Rurberg weist die größten zusammenhängenden Rotbuchenwälder des Nationalparks aus. Dort ist an einem sonnigen Dienstagmorgen im August der Ranger Rolf Jakobs unterwegs: 56 Jahre, große Statur, kräftiger Händedruck, ruhige Art, hellgrüner Rucksack auf dem Rücken, heute mal ausnahmsweise ohne seinen Golden Retriever Josef. Rolf Jakobs ist nicht zu übersehen – dank seines Rangerhuts, dem Erkennungsmerkmal der 18 Ranger, die in diesem Sommer für die Nationalparkwacht unterwegs sind. Dieser Teil des Nationalparks ist jedoch nicht nur wegen seiner Buchenwälder besonders. „Wir setzen hier unseren Anspruch um, den Nationalpark für alle Menschen zugänglich zu machen“, sagt Rolf Jakobs, während er aus seinem Auto steigt und vom Parkplatz zum Eingangsbereich des Natur-Erlebnisraums „Wilder Kermeter“ läuft. Ziel sei, dass auch Menschen mit Geh- und Sehbehinderung, mit kognitiven Beeinträchtigungen oder mit Hörbehinderung sowie gehörlose Menschen den Nationalpark erleben können.

Barrierefreie Wege sind ein Marken­zeichen

Der „Wilde Kermeter“ ist ein beliebter Einstieg in den Nationalpark mit seinem 240 Kilometer langen Wegenetz. Rolf Jakobs ist heute hier zur Gebietskontrolle eingeteilt. Er kümmert sich besonders um den „Wilden Weg“, der Teil dieses Natur-Erlebnisraums ist. Der 1,5 Kilometer lange Pfad mit zehn interaktiven Sta­tionen startet hier und ist barrierefrei. Dies bedeutet, dass die Wege sehr leicht zugänglich sind für Rollstuhlfahrende, Informationen in Großschrift oder Punktschrift bereitstehen, barrierefreie Toiletten vorhanden oder die Picknicktische deutlich erhöht sind, sodass sich auch Menschen im Rollstuhl dazu setzen können. „Unsere Aufgabe ist in erster Linie darauf zu achten, dass Ge- und Verbote eingehalten werden, Besucherin­nen und Besucher die Wege nicht verlassen und die Hunde angeleint sind“, erzählt der Ranger, während er freundlich die ersten Wandernden grüßt und sich auf den Rundweg macht.

Im Jahr 2007 knickte der Sturm Kyrill hier zahlreiche Bäume um, zudem starben in den vergangenen Jahren die Fichten infolge der Dürre und des Schäd­lings­befalls, woran zahlreiche Baumskelette erinnern. So entstand eine offene Fläche, auf der der Mensch nicht eingreift. Die Wandernden können die natürliche Waldentwicklung nun vom Holzsteg aus beobachten. Zwischen den toten Bäumen machen sich Moose, Farne, Brombeeren und Birken breit, sie sind die Pioniere. „Die umgestürzten Baumstämme bleiben liegen. Dadurch sind die Jung­bäume nicht so leicht erreichbar und ihre Triebe werden seltener von Rothirsch, Reh und Hase abgebissen“, weiß Rolf Jakobs. Durch diesen Schutz komme der Waldnach­wuchs leichter hoch. In 50 Jahren, hofft er, werden hier wieder Rotbuchen stehen.

Totholz ist wichtiger Lebensraum

Der im Jahr 2004 gegründete Nationalpark Eifel ist rund 11.000 Hektar groß. Mehr als 11.400 Tier-, Pflan­zen- und Pilzarten sind hier beheimatet, darunter etwa 2.600 Rote-Liste-Arten. Streng genommen ist er noch bis zum Jahr 2034 ein Entwicklungsnationalpark, da noch nicht 75 Prozent der Fläche der natürlichen Dyna­mik unterliegen, wie es internationale Kriterien vorschreiben. Rund 55 Prozent werden derzeit im National­park sich selbst überlassen – und die Flächen hier am Kermeter gehören dazu. Welche Folgen diese strenge Schutzkategorie beispiels­weise für den Wald mit sich bringt, erzählt Ranger Rolf Jakobs immer wieder Inter­essierten auf seinen Kontroll­gängen und den Rangertouren, die die Nationalparkverwaltung das gesamte Jahr über anbietet. „Im Wirtschaftswald wird Totholz, also große herabgefallene Äste oder umgestürzte Bäume, weggeräumt. Doch hier lassen wir der Natur ihren Lauf, das Holz darf liegen bleiben, sofern es nicht Wanderwege versperrt.“ Dass dadurch der Wald „unordent­lich“ erscheine, hört er des Öfteren. Der Nutzen für die Natur sei jedoch riesig, sagt er und lässt wissenschaftliche Fakten sprechen: „Im Nationalpark Eifel ist Tot­holz Lebensraum für mehr als 4.700 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten.“

Gebietskontrolle auf dem „Wilden Weg“

Einen Einblick in das verborgene Leben im Totholz bietet der „Wilde Weg“ gleich zu Beginn: Zehn Pilzarten, die ein Ranger aus der Umweltbildung liebevoll aus Holz gefertigt hat und die auf dem Geländer in mehrfacher Ver­größerung thronen, sind nicht nur Blickfang, sondern laden auch ein zum Fühlen und Ertasten der Lamel­len und des Schirms. Ökologisch sind Pilze wie beispielsweise der Schmetterlingsporling wichtig, weil sie das Totholz zersetzen und damit Nährstoffe wieder dem Wald zuführen. Leider wurde der Parasolpilz abgebrochen. „Eigentlich hält sich der Vandalismus in Grenzen, doch es kommt immer wieder mal vor, dass Dinge be­schädigt werden“, erzählt Rolf Jakobs. Den fehlenden Pilz, auch das gehört zu seiner Aufgabe, hat er schon an die Zentrale der Nationalparkverwaltung gemeldet, die sich um Ersatz kümmert.

Rund 15 Kilometer läuft Rolf Jakobs im Schnitt pro Tag während der Gebietskontrolle durch den Nationalpark. Seit 2016 ist er Ranger. Davor arbeitete der ausgebildete Forstwirtschaftsmeister als Forstwirt im Landesbetrieb Wald und Holz NRW sowie lange Zeit als Ausbilder in einer Forsteinrichtung. Als er das Angebot erhielt, im Nationalpark zu arbeiten und eine Weiterbil­dung zum Ranger zu machen, musste er nicht lange überlegen. „Die Natur hat mich seit jeher sehr interessiert. Mich mit den Leuten darüber zu unterhalten, war für mich schon immer ein Traumberuf“, schwärmt er und begrüßt schnell noch seine Kollegin Anne sowie die Kollegen Bernd und Philipp, die gerade die Besucherzahlerfassung auf dem „Wilden Weg“ kalibrieren. 

„Wir erfassen die Zahl der Besuchenden automatisch mit Geräten, die auf Körperwärme reagieren. Ob diese aber wirklich stimmt, müssen wir regelmäßig überprüfen“, erklärt er. Zwischen 60.000 und 90.000 Menschen sind pro Jahr allein auf dem „Wilden Weg“ unterwegs. Die Besucherzahlen belegen die Beliebtheit des „Wilden Weg“, für den der Nationalpark bereits als UN-Dekade-Projekt ausgezeichnet wurde.

Ranger als „lebendige Litfaßsäule“

Die Runde auf dem „Wilden Weg“ hat Rolf Jakobs heute nach zwei Stunden beendet. Nun läuft der Ranger durch die Buchenwälder zum Aussichtspunkt Hirschley, wo er einen prächtigen Ausblick auf die Rurtalsperre hat. Auf dem barrierefreien Wanderweg beseitigt er im Herbst das Laub, füllt Schlaglöcher im Weg mit feinem Kies oder schneidet störende Zweige und Äste zurück, damit sich auch Rollstuhlfahrende gut fortbewegen können.

Heute notiert er an dem Aussichtspunkt eine kaputte Lehne einer Ruhebank, ein Fall für die Holzbau­werkstatt der Nationalparkverwaltung. Immer wieder ist er in Ge­spräche verwickelt. Er sähe sich, sagt der Ranger, quasi wie eine „lebendige Litfaßsäule“. So wollten die Besucherinnen und Besucher beispielsweise wissen, wie es den Wildkatzen im Nationalpark geht, warum be­stimmte Wege vorübergehend gesperrt sind oder wie man am schnellsten wieder zum Parkplatz kommt. Ge­duldig gibt Ranger Jakobs dann die Antworten.

Seiner Erfahrung nach halten sich die allermeisten Gäste an die Ge- und Verbote im Nationalpark, doch natür­lich hat er auch schon unerfreuliche Erfahrungen gemacht. Das verwundert bei jährlich rund 1,4 Millionen Gästen im gesamten Park jedoch nicht: Nicht an­gelein­te Hunde, Radfahrende auf Wanderwegen, Motocross Fahrende, Personen, die abseits der Wege Geocaches suchen oder joggen, illegal campen und ihre Hinterlas­senschaften zurücklassen. Alles schon vorgekommen, meint er während einer kurzen Trinkpause. Wer sich nicht an die Vorschriften hält und von Rolf Jakobs ertappt wird, bekommt eine „gelbe Karte“ – eine freundlich formulierte, pädagogische Form der Information und Ermahnung, das Vergehen nicht zu wiederholen. Die Ranger können bei Ordnungswidrigkeiten ein Verwarngeld oder bei besonders schweren Verfehlungen ein Bußgeld verhängen lassen. Dass sich der Ranger mit seiner besonnenen Art dabei aus der Ruhe bringen lässt, ist kaum vorstellbar.

Sehr entschieden reagiert er aber beim Thema Feuer, aus gutem Grund: „Ein möglicher Waldbrand würde wert­volle Natur zerstören. Ihn zu löschen, ist in diesem unwegsamen Gelände oft sehr schwierig“, sagt er. Wi­der­sprechen muss er auch immer wieder, wenn be­haup­tet wird, Totholz erhöhe die Waldbrandgefahr und sollte deswegen entfernt werden. 

Waldumbau für den Wald der Zukunft

Am späten Mittag endet die Gebietskontrolle von Rolf Jakobs im Kermeter – ohne dass er eine „gelbe Karte“ verteilen musste. Um 14 Uhr hat er noch eine Führung vor sich und macht sich deswegen auf nach Wahlerscheid im Süden des Nationalparks, kurz vor der belgischen Grenze. Der Weg dahin führt entlang der mehr als 3.000 Hektar großen Dreiborner Hochfläche, ein früherer belgischer Truppenübungsplatz, der ebenfalls Teil des Nationalparks ist. Er kommt dabei an einer Stelle vorbei, wo man mit etwas Glück Rothirsche und mit noch mehr Glück einen Wolf sichten kann, sowie an Standorten, wo die Nationalparkverwaltung Forschung betreibt. „Hier haben wir zwei Malaise-Fallen aufgebaut, mit denen wir die Insektenvielfalt erfassen“, erklärt der Ranger und zeigt mit dem Finger Richtung der prärieartigen Offenlandfläche. Aufgabe der Ranger ist hier, einmal im Monat die Fallen zu leeren und zu kontrollieren, ob die Netze noch in Ordnung sind.

Am vereinbarten Treffpunkt für die Rangertour, einer großen Holzstele mit dem aufgesetzten un­ver­kennba­ren Rangerhut, wird Rolf Jakobs bereits erwartet. „Wan­der­touren wie diese sind besonders, weil wir sie fast jeden Tag anbieten und zwar kostenfrei, ohne Anmeldung und ganzjährig bei jedem Wetter“, sagt er, steigt aus dem Auto, zieht seinen Hut auf und sich den Rucksack auf den Rücken. „Guten Tag zusammen, Rolf Jakobs mein Name, ich bin Ranger im Nationalpark Eifel und werde Sie heute auf der Tour im Bereich Wahlerscheid beglei­ten“, so stellt er sich der Gruppe vor.

Er wird mit ihr rund 6,5 Kilometer durch die Hochlagen der Nationalparkwälder laufen und beispiels­weise erklären, warum hier noch relativ viele Fichten wachsen und warum diese bald verschwunden sein werden. „Durch den Zweiten Weltkrieg waren die Wälder fast vollständig zerstört. Man hat hier Fichten ge­pflanzt, weil diese als frostunempfindliche Art auf den großen Kahlflächen gut anwachsen und man so schnell Bauholz bekommen kann. Seit der Nationalparkgründung bauen wir den Wald um und pflanzen unter den nicht gebietsheimischen Fichten junge Buchen“, erklärt er. So soll ein Mischwald entstehen, der robuster auf den Klimawandel reagieren kann und damit zum Wald der Zukunft wird. Drei Stunden dauert die Führung, dann ist für den Ranger Rolf Jakobs Feier­abend. „Dass ich diese Entwicklung zu einem Nationalpark miterleben kann, ist toll“, sagt er zum Abschluss und macht sich auf den Heimweg.

Titelbild: Oberhäuser

Wie wird man Rangerin oder Ranger?

Im Jahr 2025 arbeiteten über 40 Rangerinnen und Ranger in den Bereichen Nationalparkwacht, Holzbauwerkstatt, Verkehrssicherung und Umweltbildung. Voraussetzung dafür ist eine abgeschlossene Ausbildung in einem sogenannten grünen Beruf, also etwa als Forstwirt/in, Landwirt/in oder Gärtner/in. 

Zudem muss man die Fortbildung zur/zum „Geprüf­te/n Natur- und Landschaftspfleger/in (GNL)“ abschließen. Diese führt die Landwirtschaftskammer NRW in Kooperation mit der Natur- und Umweltschutz-Akademie NRW (NUA) durch. Der staatlich anerkannte Lehrgang dauert circa 640 Unterrichtsstunden und findet als Blockunterricht im Versuchs- und Bildungszentrum Landwirtschaft Haus Düsse, aber auch immer mindestens eine Woche im Natio­nalpark Eifel statt.

Fortbildung zur/zum Geprüfte/n Natur- und Landschaftspfleger/in (GNL)

Vorbereitungslehrgang und Prüfung Natur- und Landschaftspfleger/in

Junior Rangerin oder Junior Ranger

Jedes Jahr bildet der Nationalpark Eifel rund 15 Kin­der zwischen neun und zwölf Jahren zur Junior Rangerin oder zum Junior Ranger aus.

Wer nach einem Jahr ausgezeichnet wurde, kann im Nationalpark Eifel beispielsweise Führungen für Familien übernehmen und an Treffen zu fachlichen Themen teilnehmen.

Junior-Ranger-Programm

Waldführerinnen und Waldführer

Die ehrenamtlich tätigen Waldführerinnen und Waldführer des Nationalparks bieten individuell buchbare Führungen an, die für private Gruppen geeignet sind. Sie sind an die Wünsche der Besucherinnen und Besucher angepasst und können bestimmte Tier- und Pflanzenarten, Lebensräume oder Landschaftsbereiche zum Thema haben. 

Neben den Wanderungen werden Rad-, Reit- und Schiffstouren angeboten, zudem gibt es barrierefreie Angebote. Die Führungen sind in fünf Sprachen und in der deutschen Gebärdensprache möglich. 

Grundlage für die Tätigkeit als Waldführer/in im Nationalpark ist die Ausbildung zum/zur „zertifizierten Natur- und Landschaftsführer/in“, die von der NUA in Kooperation mit Partnerorganisationen der jeweiligen Region durchgeführt wird. Seit Gründung des Nationalparks hat die NUA in Zusammenarbeit mit der Nationalparkverwaltung Eifel 266 Privatpersonen zu zertifizierten Natur- und Landschaftsführer/innen ausgebildet, um sie für individuelle Führungen im Nationalpark einzusetzen. 

Waldführungen

Zertifizierte Natur- und Landschaftsführer/in

Nationalpark-Ausstellung

Die Ausstellung „Wildnis(t)räume“ ist eine 2.000 Quadratmeter große barrierefreie, interaktive und multimediale Dauerausstel­lung im Nationalpark-Zentrum Eifel, die zu einem ganzheitlichen Naturerlebnis einlädt. Besucherinnen und Besucher können dort mit allen Sinnen begreifen, was Natur und Wildnis bedeuten.

Samstags, sonntags und feiertags führt um 14 Uhr ein Ranger durch die „Wildnis­-(t)räume“ und zeigt dabei faszinierende Ein­blicke in den Nationalpark Eifel und seine Bewohner.

Erlebnisausstellung „Wildnis(t)räume“

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